Ferch – Der idyllische Fischerort
Ferch liegt an der Südspitze des Schwielowsees. Im sanften Auf und Ab führt die nicht enden wollende Dorfstraße in unzähligen Windungen durch das hügelige Gebiet. So präsentieren sich dem Betrachter immer nur wenige der kleinen, gepflegten Häuschen. Und gerade das macht wohl den Reiz des Ortes aus. Mitten im Ortskern trifft man aus allen Richtungen auf das schmucke, neue Rathaus der Gemeinde Schwielowsee. An die Blütezeit der Havelfischer erinnert die kleine Dorfkirche – einmalig in ihrer Art. Stolz sind die Einwohner auch auf die ObstkistenBühne, ihren Bonsaigarten, das Museum der Havelländischen Malerkolonie und die vielen Künstler, die damals wie heute nach Ferch fanden. Wer einmal hier war, kommt wieder!
Ferch und seine Geschichte
In allen Zeiten als idyllisch und reizvoll gepriesen, als Riviera oder "Perle
am Schwielowsee" wegen seiner einzigartigen Lage und seiner Naturschönheiten
gerühmt, hat es seinen Zauber bis heute bewahren können. Ferch
liegt versunken hinter Kiefernhügeln, eingebettet in Wiesen- und Bruchlandschaften,
atmet aus seinen noch verbliebenen Obstgärten, und viele seiner Häuser
kringeln sich wie ein Bart um die Südhälfte des Schwielowsees.
Man glaubt der Sage von der schönen Fee, dass Ferch nicht einfach von
Menschenhand erschaffen worden sein kann. Insbesondere abends breitet sich
unmerklich ein Zeitmaß vergangener Jahrhunderte und das Gefühl
von Weite und Stille über das Dorf. Es wird von der im 30jährigen
Krieg erbauten, vor zwei Jahren sanierten Fischerkirche, einem Fachwerksbau,
in alle Himmelsrichtungen gebimmelt. Die Holzdecke ist als Tonne gewölbt
und hat die Form eines Kahnes. Ein bunter holzgeschnitzter und frei schwebender
Engel trägt das Taufbecken mit der Jahreszahl 1738.
In "Alte Dorfstelle", dem ältesten Teil von Ferch inmitten einer Wiesen- und Waldlandschaft, haben im Eichenhain und nicht nur dort einige Exemplare ihre Wurzeln seit vielen 100, eine seit 1000 Jahren im Steinkörnchensand. Archäologische Funde aus Bronze- und Jungsteinzeit datieren die erste Besiedlung dieses Ortes viel weiter als seine urkundliche Erwähnung von 1317 zurück. Eine genaue Überlieferung für Ferchs Entstehung gibt es nicht. Doch analog zur Entstehung von Ferch-Lienewitz könnten Mönche des Klosters Lehnin Hütten am Ufer des Schwielowsees für die Fischer gebaut haben, um diese in der romantischen Waldeinsamkeit anzusiedeln. Lehm und Rohr standen ausreichend zur Verfügung, später kamen Holz und Stroh dazu. Die enge Beziehung der Fischer zu ihrem See könnte auf eine althochdeutsche Wurzel Ferchs hindeuten – "ferjahn" – fahren, schiffen. Seit 1417 waren die Bewohner von Ferch gegenüber denen von Rocho lehnspflichtig. Es zählte damals 193 Personen. Die Rochows sollten insgesamt ca. 500 Jahre eine gewichtige Rolle für Ferch spielen.
Nimmt man die Autobahnabfahrt Ferch auf dem südlichen Berliner Ring trifft man mitten im Ort auf den Hügel "Potsdamer Platz". Dort wurde kräftig umgebaut, um die neue Gemeindeverwaltung aufnehmen zu können. Nach links schlängelt sich die nagelneue Straße hinunter zu reizvoller, im "Mühlengrund" liegender Wiesenlandschaft, wo seit 1610 am Bach bis in die jüngste Vergangenheit eine Wassermühle stand. Ihre jüngere Schwester, Dörres Mühle, wurde in der Beelitzer Straße mit Windkraft getrieben. Ein großes Kornmagazin, eigens errichtet, um aus den drei sächsischen Dörfern Klaistow, Kanin und Busendorf Getreide einzuführen, diente aber auch Potsdamer Kaufleuten als geheimer Stapelplatz für Kaffee. Bis 1815 versuchten Soldaten der preußischen Armee nun ihrerseits von der Potsdamer Garnison durch die Fercher Wälder in die zu Kursachsen gehörende Enklave zu gelangen.
Fährt man vom Potsdamer Platz aus rechts die neu gepflasterte Dorfstraße hinab, passiert man zwei- und dreihundert Jahre alte Fischerhäuser, bewohnt, gepflegt, letztere ganz traditionell mit Rohrdach. Ein gestalteter Platz mit Backofen aus Lehm ergänzt das Ambiente. Wegen des leicht hügeligen und schluchtenreichen Charakters von Ferch – mit Ausnahme der Wiesen sind die Uferhänge am Schwielowsee steil – vermuten einige Historiker, dass Ferch dem slowenischen "Verch" – Gipfel des Berges – sprachverwandt ist. Über Dorf und See hinaus nach Berlin, Werder, Brandenburg weit gucken kann man vom Feuerturm auf dem Wietkiekenberg (126 m über NN).
Wo hatte die schöne Fee ihr Waldhaus, unterhalb des Wietkieken? Bei Flottstelle, der ehemaligen Floßstelle? Oder dort, wo heute noch Orchideen und Sonnentau wachsen? Immer dann, wenn der Frühling noch grün ist, Trauerweiden sich gelb auswachsen und weiß- und rosagrünes Flimmern aus den Kirsch- und Pfirsichbäumen aufsteigt, glaubt man an die Zauberkraft der Fee, die ihren Ritter hier in ihren Bann zog. Am Ende hat er seine Fee und Ferch verlassen. Dafür sind viele Künstler angezogen worden, eine ganze Malerkolonie mit den Geschwistern Wacker, Göbel, Döll, Reuter und schließlich Hans-Otto Gehrcke, welche Ferchs Schönheit und die hier lebenden Menschen ins Bild setzten. Als Erste jedoch zog es im 19. Jahrhundert die Maler Karl Hagemeister und Carl Schuch ins "einsame Ferch" (Theodor Fontane), die hier das Malerdorf und den Havelländischen Impressionismus begründeten.
Im 16. und 17. Jahrhundert wurde eine Kalkbrennerei in
Betrieb genommen, eine Ziegelei erbaut, eine Darre (für die Samengewinnung
von Kiefern und Fichten) geschaffen und ein Holzplatz angelegt. Backöfen
gehörten überall
zum Ortsbild. Das erste Schulhaus gab es in Ferch 1710. 1997 wurde das alte
Gebäude der "Neuen Schule" saniert und als Begegnungszentrum
von mehreren Generationen angenommen.
Erst
im 20. Jahrhundert wurde das Dörfchen aus seinem Dornröschenschlaf
geweckt, mit dem Bau der Eisenbahnlinie 1909, mit dem Dampfer und nicht zuletzt
durch Autos. Sie brachten Besucher, aber auch neue Bewohner, die den romantischen
Ort für sich und ihre Familien entdeckten. In den zwanziger Jahren wurde
eine Elektrizitäts- und Maschinengenossenschaft und von den Fercher
und Caputher Obstzüchtern eine Dampfergenossenschaft gegründet.
So konnte in Tinen und Spankörben frisch verpacktes Obst seinen Weg
nach Berlin antreten. 1945 erhielten ca. vierhundert Umsiedler in Ferch ein
neues Zuhause. Ferchs Bevölkerung wuchs auf 1200 Einwohner. Mit der
Gründung der Gärtnerischen Produktionsgenossenschaften Anfang der
sechziger Jahre verlagerte sich der Obstanbau hauptsächlich nach Kammerode
und wurde dort weiträumig betrieben, während rund um den Ort viele
Gartenflächen mehr und mehr brach fielen, schließlich von vielen
Erholungssuchenden als Wochenend- oder zweite Heimat angenommen wurden.
Heute produziert an der Ortsgrenze zu Glindow im neuen Gewerbegebiet u.a.
ein Elektrobetrieb mit rund 100 Arbeitsplätzen. Landschaftlich reizvoll
eingepasst sind die Wohnparks mit interessanten Sozialwohnungen, die Wohnsiedlung "Fontanepark" ist
bezogen und im Geriatrischen Pflegezentrum werden 170 Bürger betreut.
Die gastronomischen Einrichtungen bieten ihren Gästen regional typische
Küche, am Seeufer entstanden Restaurants mit Hotel, die z.T. kleine
Galerien beherbergen. Eine Marina und das Strandbad sind im Sommer Anziehungspunkte
für Wasserbegeisterte.
In Winter und Frühjahr zieht es Ornithologen und Vogelliebhaber her.
Verschiedene Vogelarten, Enten, Lietzen (eigentlich Blesshühner) Schwäne,
Fischreiher leben hier, anderen lassen sich vorübergehend nieder. Die
Natur bietet mit ihrem Facettenreichtum nicht nur die landschaftsbezogene
Erholung, sondern eben auch verschiedene Möglichkeiten der Wissenserweiterung.
In Mittelbusch ist ein japanisches Gartenparadies, ein Bonsaigarten, mit
kleiner Fontäne am Pavillon, entstanden. Das unter 100-jähriger
Linde im Innenhof eines 200 Jahre alten Bauernhauses entstandene rustikale "Holzpantinen-Musik-Theater
im Grünen" – die "Fercher ObstkistenBühne" feierte
2002 erfolgreich sein 10-jähriges Bestehen und lockte mit eigenen Texten
und Liedern die Besucher von Nah und Fern in die Region. Die Künstler
sind mittlerweile auch in europäischen Ländern gefragt.
Folgt man dem Seeweg einige Meter weiter, so entdeckt man
die künstlerische Einrichtung, die Se(h)galerie, die mit ungewöhnlichen
künstlerischen Arbeiten auf sich aufmerksam macht. Seit dem 26. Juli
2009 finden im Museum der Havelländichen Malerkolonie Dauerausstellungen
mit den Werken der alten Meister statt. Fercher Bürger gründeten den Verein "Havelländische
Malerkolonie e.V.", um mit dem Ausbau des Gaedehauses zum Museum ernst
zu machen. Das "Kulturforum Schwielowsee e.V." organisiert Ausstellungen
zeitgenössischer
Maler und Bildhauer aus der Region und dem Ausland, veranstaltet Lesungen
und klassische Konzerte rund um den Schwielowsee.
Ein neuer Fahrradweg F 1 schlängelt sich von Potsdam her durch die malerische
Landschaft. Er möge symbolisch stehen für alle weiteren Verbindungen
in der neuen Gemeinde Schwielowsee, die an Ortsgrenzen nicht Halt machen
sollten.
Dr. Ingrid Protze
